11 Monate Halbschlaf – eine Tasse Kaffee später

 

So langsam beginne ich zu realisieren. Ich beginne zu begreifen wo ich mich in der Zeit zwischen August 2015 und Juli 2016 aufgehalten habe und wie anders meine dortige Umgebung war, im Vergleich zu meinem gewohnten Umfeld in Deutschland.

Ich beginne zu begreifen woraus mein Alltag bestand, und ich sehne mich zurück zu den Abenden, an denen ich mich ins Bett gelegt habe und das Gefühl hatte den unterschiedlichsten Zielen wieder ein Stück näher gekommen zu sein.

 

Ich beginne zu begreifen wie sehr ich mich mit meiner Arbeit identifiziert habe und wie viel Spaß sie mir gemacht hat.

 

Ich beginne zu begreifen wie ich dort plötzlich mit Problemen konfrontiert war, von denen ich vorher nicht einmal wusste, dass es sie gibt.

 

Ich beginne zu begreifen wie blauäugig ich auf manche dieser Probleme zugerast bin, nur um dann zu merken, dass sie aus der Nähe betrachtet keine wirklichen Probleme waren – oder umso größere, unüberwindbare Steinhaufen.

 

Ich beginne zu begreifen, wie ich mir eine neue Komfortzone schaffen musste um vor eben solchen Problemen nicht die Motivation zu verlieren.

 

Ich beginne zu begreifen, dass es eben nicht so einfach ist „sich selbst zu finden“, besonders nicht wenn man sich dafür einen festen Zeitraum vornimmt und dass es auch gar nicht das Ziel sein sollte. Als beiläufiges Nebenprodukt neue Seiten an sich zu entdecken oder Bekanntes bestätigt zu bekommen allerdings war für mich immer wieder interessant.

 

Ich beginne zu begreifen, dass es für mich manchmal scheinbar besser ist nicht groß über Entscheidungen nachzudenken und Zweifeln keine Zeit zu geben.

 

Ich beginne zu begreifen…

 

…Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Punkt.

 

 

 

Manchmal denke ich, ich wäre ein Jahr (naja gut 11 Monate) während eines „Wachtraums“ durch dieses faszinierende Land geschlafwandelt, ohne wirklich anwesend gewesen zu sein. Und dann gab es immer wieder Momente und Ereignisse, die mich mit einem Ruck auf den von meiner Heimat weit entfernten Grund und Boden zurück geholt haben. Ereignisse jeglicher Art:

 

Schöne wie der Moment in dem ich realisierte, dass ich fester Teil einer Gruppe geworden bin, zu der die Kommunikation Wochen oder Monate vorher noch aus „Hi“ und „bye“ bestand – bis ich mich irgendwann täglich darauf gefreut habe meine Kollegen und Kolleginnen Morgens zu sehen.

 

Negativ aufgezeigt wurde mir, dass ich eigentlich fremd war, immer dann wenn wir mal wieder an Warteschlangen vorbeigewinkt wurden oder wenn beim Verhandeln ein gewisser Zuschlag auf den Preis kam – ob bevorteilt oder benachteiligt, schön war es nie. Aber ich wurde so daran erinnert, dass ich mich so wohl und heimisch fühlen konnte wie ich wollte, am Ende des Tages war meine Heimat immer 4 Auto- plus 8 Flugstunden entfernt.  

 

.. Oder Momente in denen plötzlich alles zu viel war und die Motivation auch nur einen Schritt vor die Tür zu machen oder noch einmal die Schaufel in die Hand zu nehmen gegen Null ging. Genau zu diesem Zeitpunkt waren es so gut wie immer die zwei Kinder, „unsere Nichte und unser Neffe“, oder unsere zwei Hunde die mich aufgeweckt haben und mir gezeigt haben, was ein Glück ich habe gerade da sein zu dürfen wo ich stand.

 

Umso mehr hat mich auf den Boden gebracht, ein letztes Mal den Kindern zu winken und den Hunden sagen zu müssen, dass sie dieses Mal nicht mitkommen dürfen – es war einfach kein Platz mehr im Gepäck.

 

 

 

Für mich war es das größte Privileg, vom Leben auf Farm Urlaub machen zu dürfen. Nicht um vom Wohn- und Arbeitsumfeld weg zu kommen! Reisen um mehr zu sehen, mehr zu erleben und das Gefühl der vollkommenen Freiheit aufzusaugen, wenn man sich Morgens den Rucksack aufschnallt und beim Verlassen der Unterkunft überlegt wohin man denn als nächstes ziehen könnte.

 

Dabei denke ich an die zwei Wochenenden in Goa, die zu 100% zur Entspannung waren und mir das Gefühl gaben, dass es auch sehr gut tut, mal den ganzen Tag nur am Strand zu liegen – no problem!

 

Dabei denke ich auch unseren Trip ins Himalaya inklusive Speed-Dating mit dem Taj-Mahal. Nicht zu vergessen die weitere Reise bei der wir uns stets in der letzten Reihe der öffentlichen Busse haben durchschütteln lassen. Immer weiter ging es die Berge hinauf um dann im gefühlt letzten Winkel der Berge, Steine aus Gletscherwasser zu fischen – man braucht ja schließlich was zum Mitbringen. Im Nachhinein erinnere ich mich auch daran, in einem indischen Schlafzug nie wieder meine Beine einzuziehen, außer ich möchte meine Pritsche mit anderen Reisenden teilen.

 

Bei Reisen denke ich auch daran wie surreal es war einen Teil meiner Familie in meinem mittlerweile gewohnten Umfeld, in meinem zweiten Zuhause, begrüßen zu dürfen, und auch daran wie viel Spaß es gemacht hat sie meinen Kollegen und Kolleginnen auf Marathi als harte Arbeiter und freiwillige Helfer vorzustellen. Besonders diese Zeit hat mir meine Augen noch weiter für die normalen Dinge geöffnet, wie das köstliche Essen, die Freundlichkeit der Menschen, das größtenteils geniale Wetter aber auch für Tatsachen, gegenüber denen ich bereits abgestumpft war, wie die vielerorts anzutreffende Armut in den Städten - man kann sehen und trotzdem nichts sehen.

 

Den Abschluss der Reisen machte Sri Lanka: Zwei Wochen zwischen australischen Touristen, Teeplantagen, Elefanten und kilometerlangen Stränden. Nach ungefähr 10 Monaten das erste Mal in einem anderen Land – manchmal so anders und in vielem so ähnlich. Nach zwei Wochen typischem Strand- und Erlebnisurlaub gab es für mich den ersten Kulturschock meines Lebens – beim Verlassen des Flughafens in Chennai: Übermüdet und unvorbereitet kam uns plötzlich alles komplett neu und stressig vor.

 

 

 

Jetzt würde ich einiges dafür geben um mal in einer Rikscha durch das nächtliche, bunt beleuchtete Pune zu rasen.

 

Wie gerne würde ich mal wieder die Kinder zur Schule bringen, mit einem Abstecher zum Kiosk, weil sie unbedingt „biscuits“ wollen.

 

Oder einfach mal nach einer zweistündigen Busfahrt erschöpft in eine der WGs unserer Freunde zu fallen, nur um zwei Minuten später wieder aus dem Haus zu stürzen – Abwechslung in den Speiseplan bringen.

 

Auch alltägliche Abläufe wie nach Tee und herzhaftem Frühstück zum Pflanzen hoch aufs Feld zu gehen und dabei die geniale Aussicht auf das Tal zu genießen, wären nun eine willkommene Abwechslung.

 

 

 

Allerdings weiß ich ganz genau, dass es eben diese „richtige Zeit“ war, zu der ich am „richtigen Ort“ war und dass diese nun vorbei ist.

 

Das Kapitel ist mit dem Fazit „is okay“ abgeschlossen, allerdings sind im Buch noch viele Seiten frei …

 

Dhanyavad, India!

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0