11 Monate Halbschlaf – eine Tasse Kaffee später

 

So langsam beginne ich zu realisieren. Ich beginne zu begreifen wo ich mich in der Zeit zwischen August 2015 und Juli 2016 aufgehalten habe und wie anders meine dortige Umgebung war, im Vergleich zu meinem gewohnten Umfeld in Deutschland.

Ich beginne zu begreifen woraus mein Alltag bestand, und ich sehne mich zurück zu den Abenden, an denen ich mich ins Bett gelegt habe und das Gefühl hatte den unterschiedlichsten Zielen wieder ein Stück näher gekommen zu sein.

 

Ich beginne zu begreifen wie sehr ich mich mit meiner Arbeit identifiziert habe und wie viel Spaß sie mir gemacht hat.

 

Ich beginne zu begreifen wie ich dort plötzlich mit Problemen konfrontiert war, von denen ich vorher nicht einmal wusste, dass es sie gibt.

 

Ich beginne zu begreifen wie blauäugig ich auf manche dieser Probleme zugerast bin, nur um dann zu merken, dass sie aus der Nähe betrachtet keine wirklichen Probleme waren – oder umso größere, unüberwindbare Steinhaufen.

 

Ich beginne zu begreifen, wie ich mir eine neue Komfortzone schaffen musste um vor eben solchen Problemen nicht die Motivation zu verlieren.

 

Ich beginne zu begreifen, dass es eben nicht so einfach ist „sich selbst zu finden“, besonders nicht wenn man sich dafür einen festen Zeitraum vornimmt und dass es auch gar nicht das Ziel sein sollte. Als beiläufiges Nebenprodukt neue Seiten an sich zu entdecken oder Bekanntes bestätigt zu bekommen allerdings war für mich immer wieder interessant.

 

Ich beginne zu begreifen, dass es für mich manchmal scheinbar besser ist nicht groß über Entscheidungen nachzudenken und Zweifeln keine Zeit zu geben.

 

Ich beginne zu begreifen…

 

…Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Punkt.

 

 

 

Manchmal denke ich, ich wäre ein Jahr (naja gut 11 Monate) während eines „Wachtraums“ durch dieses faszinierende Land geschlafwandelt, ohne wirklich anwesend gewesen zu sein. Und dann gab es immer wieder Momente und Ereignisse, die mich mit einem Ruck auf den von meiner Heimat weit entfernten Grund und Boden zurück geholt haben. Ereignisse jeglicher Art:

 

Schöne wie der Moment in dem ich realisierte, dass ich fester Teil einer Gruppe geworden bin, zu der die Kommunikation Wochen oder Monate vorher noch aus „Hi“ und „bye“ bestand – bis ich mich irgendwann täglich darauf gefreut habe meine Kollegen und Kolleginnen Morgens zu sehen.

 

Negativ aufgezeigt wurde mir, dass ich eigentlich fremd war, immer dann wenn wir mal wieder an Warteschlangen vorbeigewinkt wurden oder wenn beim Verhandeln ein gewisser Zuschlag auf den Preis kam – ob bevorteilt oder benachteiligt, schön war es nie. Aber ich wurde so daran erinnert, dass ich mich so wohl und heimisch fühlen konnte wie ich wollte, am Ende des Tages war meine Heimat immer 4 Auto- plus 8 Flugstunden entfernt.  

 

.. Oder Momente in denen plötzlich alles zu viel war und die Motivation auch nur einen Schritt vor die Tür zu machen oder noch einmal die Schaufel in die Hand zu nehmen gegen Null ging. Genau zu diesem Zeitpunkt waren es so gut wie immer die zwei Kinder, „unsere Nichte und unser Neffe“, oder unsere zwei Hunde die mich aufgeweckt haben und mir gezeigt haben, was ein Glück ich habe gerade da sein zu dürfen wo ich stand.

 

Umso mehr hat mich auf den Boden gebracht, ein letztes Mal den Kindern zu winken und den Hunden sagen zu müssen, dass sie dieses Mal nicht mitkommen dürfen – es war einfach kein Platz mehr im Gepäck.

 

 

 

Für mich war es das größte Privileg, vom Leben auf Farm Urlaub machen zu dürfen. Nicht um vom Wohn- und Arbeitsumfeld weg zu kommen! Reisen um mehr zu sehen, mehr zu erleben und das Gefühl der vollkommenen Freiheit aufzusaugen, wenn man sich Morgens den Rucksack aufschnallt und beim Verlassen der Unterkunft überlegt wohin man denn als nächstes ziehen könnte.

 

Dabei denke ich an die zwei Wochenenden in Goa, die zu 100% zur Entspannung waren und mir das Gefühl gaben, dass es auch sehr gut tut, mal den ganzen Tag nur am Strand zu liegen – no problem!

 

Dabei denke ich auch unseren Trip ins Himalaya inklusive Speed-Dating mit dem Taj-Mahal. Nicht zu vergessen die weitere Reise bei der wir uns stets in der letzten Reihe der öffentlichen Busse haben durchschütteln lassen. Immer weiter ging es die Berge hinauf um dann im gefühlt letzten Winkel der Berge, Steine aus Gletscherwasser zu fischen – man braucht ja schließlich was zum Mitbringen. Im Nachhinein erinnere ich mich auch daran, in einem indischen Schlafzug nie wieder meine Beine einzuziehen, außer ich möchte meine Pritsche mit anderen Reisenden teilen.

 

Bei Reisen denke ich auch daran wie surreal es war einen Teil meiner Familie in meinem mittlerweile gewohnten Umfeld, in meinem zweiten Zuhause, begrüßen zu dürfen, und auch daran wie viel Spaß es gemacht hat sie meinen Kollegen und Kolleginnen auf Marathi als harte Arbeiter und freiwillige Helfer vorzustellen. Besonders diese Zeit hat mir meine Augen noch weiter für die normalen Dinge geöffnet, wie das köstliche Essen, die Freundlichkeit der Menschen, das größtenteils geniale Wetter aber auch für Tatsachen, gegenüber denen ich bereits abgestumpft war, wie die vielerorts anzutreffende Armut in den Städten - man kann sehen und trotzdem nichts sehen.

 

Den Abschluss der Reisen machte Sri Lanka: Zwei Wochen zwischen australischen Touristen, Teeplantagen, Elefanten und kilometerlangen Stränden. Nach ungefähr 10 Monaten das erste Mal in einem anderen Land – manchmal so anders und in vielem so ähnlich. Nach zwei Wochen typischem Strand- und Erlebnisurlaub gab es für mich den ersten Kulturschock meines Lebens – beim Verlassen des Flughafens in Chennai: Übermüdet und unvorbereitet kam uns plötzlich alles komplett neu und stressig vor.

 

 

 

Jetzt würde ich einiges dafür geben um mal in einer Rikscha durch das nächtliche, bunt beleuchtete Pune zu rasen.

 

Wie gerne würde ich mal wieder die Kinder zur Schule bringen, mit einem Abstecher zum Kiosk, weil sie unbedingt „biscuits“ wollen.

 

Oder einfach mal nach einer zweistündigen Busfahrt erschöpft in eine der WGs unserer Freunde zu fallen, nur um zwei Minuten später wieder aus dem Haus zu stürzen – Abwechslung in den Speiseplan bringen.

 

Auch alltägliche Abläufe wie nach Tee und herzhaftem Frühstück zum Pflanzen hoch aufs Feld zu gehen und dabei die geniale Aussicht auf das Tal zu genießen, wären nun eine willkommene Abwechslung.

 

 

 

Allerdings weiß ich ganz genau, dass es eben diese „richtige Zeit“ war, zu der ich am „richtigen Ort“ war und dass diese nun vorbei ist.

 

Das Kapitel ist mit dem Fazit „is okay“ abgeschlossen, allerdings sind im Buch noch viele Seiten frei …

 

Dhanyavad, India!

 

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Ein Rückblick in der Zeitung

Hey Zusammen,

mittlerweile bin ich ja schon fast zwei Monate wieder auf deutschem Boden, und habe mich auch längst wieder eingelebt - Indien vermisse ich natürlich trotzdem.

Über meine ersten Wochen und Monate zurück in der Heimat werde ich aber nochmal in aller Ruhe etwas schreiben.

 

Heute, Samstag der 10.09.2016 erschien aber eine Zusammenfassung meines Jahres in den Kinzigtal-Nachrichten. Für diese saß ich diese Woche auf der roten Couch und meiner Meinung nach hat die Zeitung daraus einen sehr schönen Artikel verfasst.

Aber am Besten, ihr lest einfach mal selbst ....

 

In diesem Sinne, liebe Grüße

Arun

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Er ist da..

Der Tag der Abreise ist gekommen, heute Abend geht es nach Mumbai und morgen früh dann gen Deutschland. 

Trotz der vielen Abschiede die wir in den letzten Tagen genommen haben fühlt es sich für mich an, als würden wir alle zusammen auf Reisen gehen - dass wir tatsächlich zurück nach Deutschland fliegen kann ich im Moment noch gar nicht realisieren. 

Dennoch freue ich mich natürlich auf mein gutes altes Zuhause, auch wenn das bedeutet, dass ich mein aktuelles Zuhause Indien verlassen muss - gemischte Gefühle. 

Ich bin sehr gespannt auf den "Eigen-Kultur-Schock" der mich vielleicht erwarten wird und darauf, wann mein Fernweh wieder zuschlägt und Indien mich wieder ruft. Zurück auf den schönen, bunten und verrückten Subkontinenten will ich auf jeden Fall irgendwann mal wieder! 

Darüber werde ich bestimmt noch einmal berichten. 


Mit lieben Grüßen aus Pune 

Aaron 

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Noch eine (letzte) Reise

Anfang Juni haben Philipp (ein Freiwilliger bei Maher in Pune, sein Blog: www.philippunterwegs.jimdo.com) und ich unsere letzte Reise von Indien aus unternommen. Mit dem Zug ging es erstmal vier Stunden nach Mumbai von wo aus wir mit dem Flugzeug nach Chennai geflogen sind. Nach ca 24 Stunden on tour und einer Nacht am Flughafen in Chennai ging es endlich unserem wahren Ziel entgegen: Sri Lanka.  Genauer gesagt sind wir in Colombo der Hauptstadt der kleinen Tropen-Insel gelandet. Diesen Urlaub hatten wir uns beide fest vorgenommen, da es von Indien doch um einiges schneller zu erreichen ist als von Deutschland. 

 

In Colombo haben wir den nächsten Zug ins Innere der Insel, nach Kandy genommen (auf Großstadt hatten wir beide nicht wirklich Lust – dummerweise haben wir erst später erfahren, dass Kandy die zweitgrößte Stadt der Insel ist).

 

Auf der etwa vier-stündigen Fahrt nach Kandy wurde mir eins schnell klar – wir sind im Dschungel,  zumindest hatte ich ihn mir immer so vorgestellt. Alles grün und nass, riesige Pflanzen und eine große Artenvielfalt. Natürlich ist indien während des Monsuns in den meisten dieser Aspekte nicht viel anders, dennoch war es eine wunderschöne Aussicht.

 

In Kandy haben wir zwei Nächte verbracht und uns zum Beispiel den See im Zentrum und den anliegenden buddhistischen Tempel angesehen, in dem ein Zahn des Buddha liegt. Außerdem haben wir die köstlichen Bäckereien der Sri Lankaner für uns entdeckt und die ersten Elefanten auf der Straße gesehen. 

 

Da es uns sehr oft empfohlen wurde haben wir zur Weiterreise wieder die Bahn genommen. Tatsächlich kam die Strecke zwischen Kandy und Ella allen Erwartungen nach und wir haben sogar viele Touristen gesehen, die nur für diese Fahrt mit Reisebussen an den Bahnhof kamen. Der Grund: Die Fahrt führt vier Stunden durch die auf ca. 1500 Meter liegenden Teeplantagen Sri Lankas (früher Ceylon). Die Insel ist eines der älteste Anbaugebiet für Tee und dementsprechend gigantisch sind auch die Felder. Geendet hat die zugfahrt mit dem Passieren eines Bergkamms, von wo aus wir zu beiden Seiten Kilometerweit nur Tee sehen konnten – wunderschönes Ceylon!

 

Recht unspektakulär ging es von Ella mit dem Bus nach Tissamahala. Die Wahl fiel auf diesen absolut nicht touristischen Ort, da er nahe am Yala Nationalpark liegt. Von vornherein war uns nämlich genauso wichtig wie das Nach-Sri-Lanka-Fliegen das Besuchen eines National Parks dort.

 

So ging es am nächsten Morgen um 6 Uhr mit anderem Touristen in einem Jeep gen Park. Die relative Unberührtheit dort war faszinierenden – von den Tieren ganz zu schweigen. So haben wir auf unserer 5 stündigen Fahrt neben zahllosen wunderschön bunten Vögeln auch Krokodile, Affen, Rehe und Elefanten gesehen. Trotz der Tatsache, dass im Yala Nationalpark die höchste Dichte an Leoparden anzutreffen ist konnten wir leider keinen sehen. Natürlich war die Safari auch ohne die sehr seltene Großkatze genial. An dem wohl unberührtesten Sandstrand den ich bisher gesehen habe, haben wir auch gehalten – 360 grad Natur pur, ganz ohne Hotels und Fischerboote.

 

Von Tissamahala im Süden ging es dann mit Linienbussen an die östliche Küste, nach Arugam Bay. Die kleine Surfer- und Aussteigerbochburg hat uns so gut gefallen, dass wir gleich drei Nächte in unserem Bungalow geblieben sind – das Meer in Hörweite. Nach Kultur, Natur und Reisen kam nun Strandurlaub. Neben den üblichen Aktivitäten wie am Strand entspannen, Schwimmen gehen und Bars und Restaurants austesten mussten wir natürlich auch den örtlichen Nationalsport ausprobieren: Surfen.

 

Morgens ging es erstmal mit einem Lehrer und einem Übungsbrett in die Wellen und ich muss sagen, es hat mir wirklich Spaß gemacht und auch gut geklappt. Nachmittags sich wir dann noch ein paar Stunden auf eigene Faust los – surfen kann ich auf jeden Fall weiterempfehlen.

 

Und am Rande: Dass der Ort größtenteils von Surfern besucht wird konnten wir tatsächlich sehr leicht an den vielen Männern mit langen blonden Haaren feststellen – Klischee ausnahmsweise mal bestätigt.

 

Nach ein paar Tagen Entspannung habe ich mich ziemlich gefreut mal wieder den Rucksack aufschnallen zu können und weiter zu fahren. Sechs Stunden dauerte die Fahrt mit Bussen von Arugam Bay in den Nord-Osten, nach Trincomalee. Im Stadtteil Uppuveli, der letzten Etappe unserer Reise, blieben wir vier Nächte in einem Gästehaus nahe am Strand. Hier strebten wir dieselben Tagesziele wie in Arugam Bay an – Seele baumeln lassen und die traumhaften Strände genießen. Da kam es genau passend, dass ein Stück unseren Strand runter eine Bar war, in der die Europameisterschaft übertragen wurde.

 

Eine spontane Angeltour mit anschließendem Barbecue konnten wir uns allerdings auch nicht entgehen lassen.

Für mich war das absolute Highlight des Nordens allerdings das Schnorcheln im Riff von Pigeon-Island. Mit dem wohl langsamsten Boot am Strand dauerte es eine halbe Stunde bis wir an den zwei kleinen Inseln anlegten – doch das war es absolut wert. Dort bekamen wir dann Taucherbrillen, Schnorchel und Flossen und los ging es. Im kristallklaren Wasser konnte man ganz leicht bis auf den Grund und all die bunten Fische sehen. Überall schwammen große und kleine von ihnen herum und wir haben es voll und ganz genossen ihnen dabei zuzusehen – so war es gar kein Wunder und noch weniger unsere Schuld, dass die Gruppe etwas auf uns zwei warten musste. Zusammen ging es dann nämlich mit einem Guide durch ein Riff auf der anderen Seite der Insel. Auch dort waren wieder ganze Schwärme schönster Tropen – Fische und Korallen in allen möglichen Farben und Formen. Das Highlight waren allerdings die etwa Fußballgroße Qualle (nein Mama, nicht giftig) und der Riff-Hai der zwar relativ klein aber dennoch atemberaubend anzusehen war.

 

Die Rückreise verlief reibungslos wie auf dem Hinweg, allerdings haben wir uns Betten im Schlafsaal des Flughafens in Chennai gebucht – die Bänke in der Halle des Flughafens hatten unseren vorherigen Test auf Bequemlichkeit leider absolut nicht bestanden.

 

Im Großen und Ganzen war unsere zweiwöchige Rundreise durch Sri Lanka einfach nur schön und der perfekte Abschluss wunderbarer Reisen in und um Indien. Und dass bei unserer Rückkehr der Monsun in Maharashtra vor der Tür steht, freut den Farmer in mir natürlich gleich nochmal – Nachhausekommen ist doch immer wieder schön!

 

Reiseempfehlung für Sri Lanka: definitiv! Am besten während der nebensaison und mit örtlichen Transportmitteln – so geht’s am günstigsten und man sieht das meiste vom Land (meine Meinung). 

 

In diesem Sinne, liebe Grüße aus Nanegaon und bis bald

Euer Aaron

Die wunderschöne Strecke von Kandy nach Ella mit einem Teefeld rechts
Die wunderschöne Strecke von Kandy nach Ella mit einem Teefeld rechts
Eins von vielen Krokodilen im Yale-Nationalpark
Eins von vielen Krokodilen im Yale-Nationalpark
Manche Elefanten kamen unserem Jeep so nahe, dass wir schon dachten sie suchen eine Mitfahrgelegenheit
Manche Elefanten kamen unserem Jeep so nahe, dass wir schon dachten sie suchen eine Mitfahrgelegenheit
Unser kleines selfmade Barbeque nach der Safari
Unser kleines selfmade Barbeque nach der Safari
Die Aussicht aus unserem Stamm-Cafe in Arugam Bay
Die Aussicht aus unserem Stamm-Cafe in Arugam Bay
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Unsere Reise zum Taj Mahal und ins Himalaya

 

Ende April bin ich mit drei anderen Freiwilligen aus Pune zwei Wochen auf Reisen gegangen - für mich war es die erste große Reise in Indien.

 

Von Pune aus sind wir zuerst mit dem Zug ins ungefähr 24 Stunden entfernte Agra gefahren, wo wir den ersten Punkt auf unserer Liste hatten: Den Sonnenaufgang am Taj Mahal anschauen. Dieses 1648 errichtete Mausoleum aus Marmor, welches die Gräber von Großmogul Shah Jahan und seiner Frau Mumtaz Mahal beherbergt, war kleiner als ich es mir vorgestellt hatte – was nichts an seinem majestätischem Eindruck änderte.

 

Noch am selben Tag ging es dann weitere vier Stunden nach Neu Delhi. Die Hauptstadt Indiens mit ungefähr 21 Millionen Einwohnern kam mir aufgrund des Metro-Systems und den sehr guten und sauberen Straßen viel moderner als zum Beispiel Pune oder Mumbai vor.

 

In Delhi haben wir uns das Rote Fort und Indiens größte Moschee, die Jama Masijd, angeschaut und haben uns außerdem mit einem Freiwilligen getroffen, der dort in einer Schule für Slum-Kinder arbeitet. In diesem ist mir aufgefallen, dass Slums scheinbar ganz eigene Städte für sich sind – oft haben sie eigene Gesetze, Politiker und Viertel die nach Arbeit oder Herkunft eingeteilt sind. So kann ich es auch verstehen, dass uns in eben diesem immer wieder Leute begegnet sind, die zwar mittlerweile besser verdienen aber trotzdem nicht aus dem Slum ausziehen möchten - unter anderem aufgrund der sozialen Vorteile durch Freunde und Familie dort.

 

 

 

Relativ schnell haben wir die doch recht stressige Metropole wieder hinter uns gelassen und sind mit dem Bus 13 Stunden weiter in den Norden gereist - genauer gesagt nach Manali, unsere ersten Station im Himalaya. Nach dem fast regenlosen Sommer im Westen Indiens war der Blick aus unserem Hotelzimmer eine traumhafte Abwechslung: Weise Bergspitzen, glasklare Bergbäche und grüne Nadelwälder überall.

 

 

 

Von Manali aus sind wir, ebenfalls mit Bussen, ins 13 Stunden entfernte Örtchen Tosh gefahren. Das Schöne an diesem Dorf war für mich ebenso eine Kehrseite des Tourismus: Tosh schien sehr lange Zeit auf ca. 2500 Metern in Ruhe und Frieden zu liegen. Doch mittlerweile haben sich viele Gasthäuser und Restaurants ausgebreitet und scheinen, so kam es mir vor, den kleinen Ort zu übernehmen. Ebendiese Verbundenheit und Abgeschiedenheit hatten wiederum einen ganz besonderen Charme. Von dort aus haben wir eine Wanderung tiefer ins Himalaya gemacht und sind so an einem Wasserfall aus geschmolzenem Schnee und Eis gelandet - nach all der Arbeit, den neuen Eindrücken, dem Reisen und den riesigen Städten der mit Abstand friedlichste Ort seit Monaten.

 

 

 

Am Ende unserer Norden-Reise haben wir noch andere Volunta-Freiwillige in Dharamsala getroffen. Dieser Touristen-Ort ist seit 1959 Zufluchtsstätte des 14. Dalai Lama, dessen Haus wir ebenfalls besucht haben. Nach ihm kamen aufgrund der Konflikte zwischen Tibet und China aber noch viele Tausende weitere Tibeter nach Dharamsala geflüchtet. Die dadurch starke buddhistische Prägung kann man auch 2016 noch sehen - besonders an den vielen Mönchen die man überall sieht und die, so wirkte es auf mich, nur durch ihre Anwesenheit Ruhe und Frieden verbreiten.

 

 

 

Leider endete an dieser Stelle unsere chaotische und trotzdem sehr schöne Reise in den Norden Indiens, und es ging wieder ca. 40 Stunden mit Bus und Bahn nach Pune zurück – bei dieser Art zu Reisen ist Indien ausgezeichnet im Lehren von Geduld und Improvisation.

 

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Große Veränderungen und biologische Auster-Pilze

 Der Sommer ist nun schon seit einer ganzen Weile in Nanegaon angekommen und er bringt ein, in Indien leider recht großes Problem mit sich - Wasserknappheit. Indien soll eines der Länder sein die vom Klimawandel am meisten zu spüren bekommen und so auch meine Erfahrungen in den letzten Monaten: Der Monsun 2015 war verhältnismäßig trocken und dieses Jahr wurde es schon früh wärmer – diese Kombination führt leider vielerorts dazu, dass Brunnen und Bohrlöcher austrocknen. Bei Gorus ist es zum Glück noch nicht so schlimm, trotzdem müssen wir immer öfter und immer länger warten bis sich die Grundwasser-Reservoirs wieder gefüllt haben. Da die zwei härtesten Monate uns noch bevorstehen heißt es jetzt zusätzlich Wasser sparen und speichern wo es nur geht. So nutzen wir zum Beispiel nun das Wasser aus dem Waschbecken für die Toilettenspülung.

 

Solche Probleme zum ersten Mal hautnah zu erleben und an Lösungen arbeiten zu müssen hat bei mir dazu geführt, dass ich auf dem indischen Subkontinenten mehr über die Wichtigkeit von Wasser nachgedacht habe, als in meinem ganzen Leben zuvor. Wie wichtig und kostbar Wasser ist wurde mir erst hier so richtig bewusst.

  

Zusätzlich zur wechselnden Jahreszeit gab es bei uns eine große Veränderung, denn leider ist die Familie, mit der wir 7 Monate auf der Farm zusammen gelebt und gearbeitet haben aus familiären Gründen fortgezogen. Somit sind wir nun, mehr oder weniger alleine dafür zuständig, dass alles gut wächst und gedeiht. In den letzten Wochen mussten wir uns also vieles, was vorher nicht unser Aufgabengebiet war, aneignen und verstehen, wie zum Beispiel das Wassersystem mit seinen zwei Pumpen, drei Bohrlöchern und den überall auf der Farm zerstreuten sechs Wassertanks. Mit dem Wegziehen der Familie haben wir jetzt zwar mehr Verantwortung und Arbeit, auf der anderen Seite ist es aber auch eine neue und gute Erfahrung, sich teilweise alleine um alles zu kümmern - laut unseren Kollegen sind nun „echte Farmer“.

 

Bis die nächste Familie kommt, wird bei Gorus das Hauptgesprächsthema sein: „Was essen die zwei Freiwilligen denn jetzt?“. Die Frage nach der letzten Mahlzeit oder dem letzten Tee ist in Indien zwar oft eine Art Begrüßungsfloskel, sie wird uns zur Zeit aber überdurchschnittlich oft gestellt. Um uns das Kochen etwas zu erleichtern haben wir einen solar cookers gebaut. Der sonnenbetriebene Kocher besteht aus einem alten Autoreifen, etwas Alufolie und einer Glasscheibe - in diese Konstruktion stellen wir nun jeden Vormittag eine schwarz angesprühte sogenannte „Tiffin box“. Diese Box ist dazu da um Essen unterwegs mitnehmen zu können und ist in sehr vielen indischen Haushalten zu finden. Nach etwa 4 Stunden können wir uns dann unseren schonend gekochten Reis, Dhal und das Gemüse aus der Sonne holen – natürlich alles Bio.

 

Ein weiteres, größeres Projekt bei Gorus ist die Austern-Pilz-Produktion die in Kooperation mit einem Forschungsinstitut aus Mumbai gestartet ist. In einem der Lagerräume wurden vor einiger Zeit etwa fußballgroße Strohballen aufgehängt und mit den Pilzsporen geimpft. Nun wachsen, bei ca. 80 %  Luftfeuchtigkeit und Temperaturen zwischen 25 und 30 Grad Celsius Pilze, die über die Gemüsekisten als Spezialbestellungen ausgeliefert oder auf dem Markt verkauft werden.

 

 

Update: Mittlerweile merkt man schon wie die Luftfeuchtigkeit aber auch die Temperaturen immer höher werden und laut Prognosen soll schon in wenigen Wochen der Monsun anfangen. Angesichts der Wassersituation und vieler langsam vertrocknender Pflanzen auf der Farm hoffe ich, dass es noch schneller zu regnen anfängt.

 

Bald folgt ein Artikel über die Reise in den Norden Indiens, die drei andere Freiwillige und ich Anfang Mai unternommen haben – bleibt gespannt.

Eins unserer drei Bohrlöcher, die uns mit Grundwasser aus ca. 100 Meter Tiefe versorgen
Eins unserer drei Bohrlöcher, die uns mit Grundwasser aus ca. 100 Meter Tiefe versorgen
Um die Pflanzen vor dem Austrocknen zu bewahren haben wir sie gemulcht - also in dem Fall Reisstroh zwischen ihnen ausgelegt damit Wasser im Boden nicht zu schnell verdunstet
Um die Pflanzen vor dem Austrocknen zu bewahren haben wir sie gemulcht - also in dem Fall Reisstroh zwischen ihnen ausgelegt damit Wasser im Boden nicht zu schnell verdunstet
Familie Kadam, mit denen wir sehr viel Zeit verbracht haben und die uns einen goßen Einblick in ihre Kultur gegeben haben, ist nach ca. 7 monatigem Zusammenleben auf der Farm leider fortgezogen. Hier haben wir sie gerade besucht.
Familie Kadam, mit denen wir sehr viel Zeit verbracht haben und die uns einen goßen Einblick in ihre Kultur gegeben haben, ist nach ca. 7 monatigem Zusammenleben auf der Farm leider fortgezogen. Hier haben wir sie gerade besucht.
Unser Solarcooker nach dem Kochen, hier nur mit Reis. Die Tiffin-Boxen funktionieren über ein Stecksystem und werden gestaplt
Unser Solarcooker nach dem Kochen, hier nur mit Reis. Die Tiffin-Boxen funktionieren über ein Stecksystem und werden gestaplt
In einem gedämmten Lagerraum hängen hier mit Pilzsporen injizierte Strohballen.
In einem gedämmten Lagerraum hängen hier mit Pilzsporen injizierte Strohballen.
Diese biologischen Auster-Pilze sind bereit zur Ernte und werden dann entweder frisch oder sonnen-getrocknet verkauft
Diese biologischen Auster-Pilze sind bereit zur Ernte und werden dann entweder frisch oder sonnen-getrocknet verkauft
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Zwischenseminar und der aktuelle Alltag zweier Freiwilligen bei Gorus

 

Seit mehr als 7 Monaten bin ich nun in Indien und so kommt langsam eine Art Alltag auf, daher kam das Zwischenseminar Ende Februar als Abwechslung ganz gelegen. Dieses fand, zufälligerweise ebenfalls auf einer organischen Farm in der Nähe von Pune mit allen Volunta-Freiwilligen aus der Millionen-Metropole statt.

 

Diese fünf Tage waren sehr gut um sich untereinander auszutauschen, Tipps zu geben aber auch um die vergangene Zeit zu reflektieren.

 

Ebenfalls hat mir das Seminar wieder vor Augen geführt, wie subjektiv meine Berichterstattung aus Indien ist und dass ich noch lange kein Indien-Experte bin. Daher möchte ich an dieser Stelle die Möglichkeit nutzen um zu verdeutlichen, dass alle meine Erzählungen ausschließlich auf Erfahrungen und Erzählungen beruhen. Indien ist ungefähr neunmal so groß wie Deutschland und somit ist es unmöglich, und auch gar nicht mein Ziel, dieses unglaublich interessante Land auf in ein paar Zeilen und Bilder zu reduzieren.

  

Der oben angesprochene Alltag sieht momentan wie folgt aus: Gegen 7 Uhr aufstehen und nach einem Kaffee auf die Terrassen um die Beete zu gießen. Da es mittlerweile zur Mittagszeit ungefähr 40 Grad hat benötigen die Pflanzen täglich Wasser. Nach dem Wässern gibt es Chai und Frühstück, danach stehen Arbeiten wie Pflanzen und Beete pflegen, neue Felder anlegen oder aktuelle Projekte an. Gegen 11 Uhr ist dann aber erstmal temperaturbedingt Schluss. In unserer ca. 5 stündigen Pause werden Aufgaben am Computer erledigt, zu Mittag gegessen, die Samenbank gepflegt und natürlich Wäsche gewaschen. Abends wird dort weitergemacht wo wir Morgens aufgehört haben, zusätzlich ist dann die beste Zeit um zu ernten und neue Pflanzen zu pflanzen. Geerntet werden zur Zeit zum Beispiel Tomaten, Basilikum, Papayas und ca. 7 kg Chillis pro Woche.

 

Unser letztes großes Projekt war die Erneuerung des Greywater-Systems vor unserem Haus. Dieses reinigt das Wasser welches aus den zwei Küchen kommt, Grauwasser genannt da es nicht so sehr von Waschmitteln verunreinigt ist wie das Wasser aus dem Bad. Das System ist mit verschieden großen Steinen befüllt in denen unter anderem verschiedene Schilfarten wachsen, deren Wurzeln das Wasser reinigen. Am Ende bewässert dieses über Rohre einen von uns neu angelegten Garten. Diesen Garten haben wir ebenfalls terrassenförmig im Hang angelegt um mithilfe der Gravitation das Wasser gleichmäßig verteilen zu können ohne eine Pumpe verwenden zu müssen – bei relativ häufig vorkommenden Stromausfällen sehr hilfreich.  

  

Am 24. März habe ich mit Freunden in Pune das Holi-Festival gefeiert, welches als Musikfestival auch in Deutschland bekannt ist. Allerdings feiern Hindus dieses Fest zum Einzug des Frühlings und zum Sieg des Guten über das Böse. Dieses Fest dauert in Teilen Indiens eine Woche an, daher ist es auch nach dem 24.3. immer wieder passiert, dass wir plötzlich mit Farbe beworfen wurden - spontan, wie ich Indien auch sonst kennengelernt habe. Mir kam es zu dieser Zeit vor als wolle Indien der ganzen Welt zeigen wie gerne es bunt und laut feiert, was immer wieder schön anzusehen ist. Wie auch in Deutschland bewerfen sich die Feiernden am zweiten Holi-Feiertag mit Farbe, ursprünglich war es jedoch die Asche der am Vortag gemachten Feuer. Für mich war Holi eine schöne Erfahrung und ich konnte Indien noch einmal von seiner buntesten und verrücktesten Seite kennenlernen. 

Auf den Bildern zu sehen (von links nach rechts/oben nach unten; Bilder lassen sich per Klick vergrößern):

1. Alle Volunta-Freiwilligen und unsere Seminar-Leiterin.

2. Die Kinder haben uns mit Freude dabei geholfen die alte Erde aus dem Greywater-System zu holen und auf den Feldern zu verteilen.

3. Das fertig bepflanzte System reinigt nun unser Küchenwasser.

4. Santosh, der Vater der Familie und mein Mitfreiwilliger Konstantin beim Ernten der Chillis.

5. Konstantin und ich bei einem Sonntagsausflug zu ca. eine Stunde entfernten Mulshi-See, einem von zahlreichen Staudämmen die Pune mit Wasser versorgen.

6. Nach dem Holi-Festival war alles bunt. Viele der Farben waren aus natürlichen Rohstoffen gemacht, daher hat Gelb zum Beispiel nach Kurkuma geschmeckt.

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